Credo

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Oft stelle ich mir dann, wenn ich mich mit anstrengenden aufwändigen Übungen auf ein Konzert vorbereite, oder nach einem langen Unterrichtstag die Frage: "Was ist es, was mich antreibt den unbequemen und entbehrungsreichen Weg eines Musikers zu gehen?" Soweit wir die Biografien von Musikern zurück verfolgen können, war es nicht vielen vergönnt, ein Leben in gesicherten Verhältnissen mit hohen Einkünften zu führen.

Was ist es also, das die magische Wirkung der Musik auf mich ausmacht? Die Antwort ist einfach - die Musik selbst mit ihrem Wesen. Für mich spiegelt sich in der Musik die Welt und ich kann mit der Musik Reisen durch die verschiedensten Zeitepochen machen. Jedes Stück Musik ist auch ein Stück Zeitgeschichte. Dabei scheinen mir zwei Dinge wesentlich zu sein:

Auf der einen Seite sind es die Gedanken und Sehnsüchte, die Begeisterung und Gelassenheit, die Verzweiflung und Geborgenheit und auch die Bewunderung der Menschen für andere Menschen, für die Natur oder auch die Religion. Diese Bewunderung und auch die Begeisterung, die mit der Musik transportiert werden können, scheinen mir durch die historischen Epochen hindurch unveränderlich zu sein. Käme sonst jemand auf die Idee, Musik von Johann Sebastian Bach auch heute noch zu hören?

Auf der anderen Seite erfahre ich durch die verschiedenen historischen Stilrichtungen und Spieltechniken sehr viel über die jeweilige kulturelle Entwicklungsstufe mit ihrem Zeitgeschmack und ihrem technologischen Entwicklungsstand, der sich für mich im Instrumentenbau repräsentiert. Und am deutlichsten in der Oper lerne ich etwas über das politische Zeitgeschehen. Auf diese Weise ist mein Weltbild entstanden und so entwickelt es sich weiter. Musik ist nicht nur qualifizierter Klang. Sie ist auch ein Spiegel der jeweiligen Philosophie, Wissenschaft, Technologie und Politik ihrer Epoche. Auf dieser Grundlage kann ich die heutige Kultur besser bewerten und die aktuellen Lebensumstände sind besser verständlich.

Es geht aber nicht nur darum, dass ich mit Hilfe der Musik gelernt habe, die Welt tiefer zu begreifen. Ich kann beim Musizieren und beim Unterrichten die Vielzahl der Erscheinungen in der Welt, so wie sie sich in meinem Bewusstsein abbilden, reflektieren. Auch, oder gerade weil das nur abstrakt möglich ist, besteht für mich darin der eigentliche Wert von Musik. Sie ist das einzige uns bekannte Instrument, das nonverbale, von Emotionen getragene Kommunikation über Ländergrenzen, Sprachbarrieren und unterschiedliche Weltanschauungen ermöglicht.

Die Musik hat eine lange Geschichte. Ich verstehe mich im Dienst der musikalischen Tradition und sehe meine Hauptaufgaben in der Vermittlung und Bewahrung der deutschen Musiktradition. Keine andere Nation kann auf eine so reiche Musiktradition zurückblicken wie wir. In meinem Fach habe ich über die technische Entwicklung dieser Tasteninstrumente und der damit verbundenen Musikentwicklung ein umfassendes historisches Verständnis aufbauen können. Das hat es mir ermöglicht, den Reichtum unserer Kultur zu begreifen.

Wenn ich über den Sinn meines Tätigseins nachdenke, dann komme ich zu dem Schluss, dass alle meine Bemühungen auf das Lebendighalten unseres Kulturerbes, in meinem Fall der klassischen Musik, gerichtet sind. In unserer Zeit scheint dieser Teil unserer alten Kultur zunehmend in Vergessenheit zu geraten. Wie wir wissen, beträgt das durchschnittliche Lebensalter der Besucher klassischer Konzerte 63 Jahre. Wenn die Pflege des klassischen Kulturerbes nicht mehr zum Bildungsauftrag der deutschen Schule gehört, dann stehen die Musiker unseres Landes in der Pflicht, diese Aufgabe selbst zu übernehmen.